Hitzetraining: Warum Schwitzen mehr ist als nur ein Nebeneffekt
- Benjamin Gehrmann
- 12. Juli
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Aug.
Was hat Hitze mit Leistung zu tun?
Wenn ich im Sommer bei 32 Grad laufen gehe und dabei deutlich schlechter bin als bei 15 Grad, ist das für die meisten Menschen intuitiv verständlich. Hitze macht das Training schwerer, der Körper kämpft auf mehreren Fronten gleichzeitig und irgendwann streikt er einfach. Soweit, so bekannt.
Was deutlich weniger Menschen wissen: Genau dieser Stress, den die Hitze auf deinen Körper ausübt, ist – wenn man ihn richtig einsetzt – einer der mächtigsten Trainingsreize überhaupt. Hitzetraining, also das gezielte Training bei erhöhten Temperaturen oder das bewusste Aufsuchen von Wärme nach dem Sport, ist in den letzten Jahren zu einem der spannendsten Themen in der Sportwissenschaft geworden – und das nicht ohne Grund.
In diesem Artikel geht es darum, was wissenschaftlich wirklich hinter Hitzetraining steckt, welche Anpassungen dein Körper dabei macht, wie man es sinnvoll einsetzt und wann man lieber die Finger davon lässt.

Was passiert in deinem Körper, wenn du in der Hitze trainierst?
Um zu verstehen, warum Hitzetraining funktioniert, muss man kurz verstehen, womit der Körper bei Wärme eigentlich kämpft. Bei steigender Körperkerntemperatur steht der Körper vor einer klassischen Ressourcen-Verteilungs-Frage: Die Muskeln brauchen Blut, um arbeiten zu können. Die Haut braucht Blut, um die Wärme abzuleiten. Das Herz muss beides gleichzeitig bedienen – mit demselben Gesamtvolumen. Das Ergebnis ist ein Herzkreislaufsystem unter Dauerstress, ein frühzeitiger Anstieg der Herzfrequenz und eine spürbar begrenzte Leistungsfähigkeit.
Trainiert man allerdings regelmäßig in der Hitze, beginnt der Körper sich anzupassen – und diese Anpassungen sind beeindruckend.
Plasmavolumen steigt. Eine der wichtigsten Adaptationen ist die Zunahme des Plasmavolumens, also des flüssigen Anteils im Blut. Studien zeigen, dass das Plasmavolumen nach einigen Wochen Wärmeakklimatisation um bis zu 10–15 % ansteigen kann.¹ Das klingt zunächst wenig spektakulär, hat aber massive praktische Auswirkungen: Ein höheres Plasmavolumen bedeutet, dass das Herz bei jedem Schlag mehr Blut pumpen kann, die Herzfrequenz bei gleicher Belastung sinkt und sowohl die Muskeln als auch die Hautgefäße besser mit Blut versorgt werden können – gleichzeitig. Das Verteilungsproblem von vorhin wird also gelöst, nicht durch Magie, sondern durch eine schlichte Vergrößerung des Gesamtvolumens.
Schweiß wird effizienter. Der Körper lernt außerdem früher zu schwitzen, also schon bei niedrigeren Körperkerntemperaturen als bisher, und der Schweiß wird salzärmer, was bedeutet, dass weniger wertvolle Elektrolyte verloren gehen.² Das ist im Grunde dasselbe wie ein Software-Update für die Klimaanlage: schnellerer Start, effizienterer Betrieb, geringere Verluste.
Herzfrequenz sinkt. Wer nach einer Hitzephase wieder unter normalen Bedingungen trainiert, merkt oft, dass der Puls bei gleicher Belastung deutlich gesunken ist. Das ist eine direkte Folge des gestiegenen Plasmavolumens und der verbesserten Thermoregulation.³
Ist Hitzetraining besser als Höhentraining?
Die Frage klingt provokant, aber sie hat einen wissenschaftlichen Hintergrund. Eine viel zitierte Studie der University of Oregon aus dem Jahr 2010 hat Hitzeakklimatisation direkt mit Höhentraining verglichen und kam zu einem überraschenden Ergebnis: Zehn Tage Hitzetraining haben die VO₂max, die Leistung auf dem Rad und das Plasmavolumen der Probanden stärker verbessert als zehn Tage Höhentraining.⁴
Das bedeutet nicht, dass Hitzetraining grundsätzlich besser ist als Höhentraining – Höhentraining hat seine eigenen Mechanismen über die Erythropoietin-Produktion und die Zunahme roter Blutkörperchen. Aber es zeigt, dass Hitzetraining als zugänglichere und günstigere Alternative einen ernstzunehmenden Platz in der Trainingsplanung hat. Man braucht kein Trainingslager in den Alpen, kein Höhenzelt für 3.000 Euro und keinen verlängerten Urlaub. Man braucht im Prinzip eine Sauna, etwas Geduld und die Bereitschaft, regelmäßig zu schwitzen.
Der Sauna-Effekt: Training nach dem Training
Einer der praktischsten Ansätze des Hitzetrainings ist die Sauna direkt nach dem Sport. Klingt erstmal kontraintuitiv, weil man nach einem harten Training eigentlich nur duschen und auf die Couch will, aber die Datenlage ist interessant.
Eine neuseeländische Studie von 2007 hat Ausdauerläufer drei Wochen lang nach jeder Trainingseinheit für 30 Minuten in die Sauna geschickt – bei 87 Grad, 11 % Luftfeuchtigkeit.⁵ Das Studiendesign war dabei kein klassisches Zwei-Gruppen-Experiment, sondern ein sogenanntes Crossover: Dieselben sechs Läufer haben beide Bedingungen durchlaufen, einmal drei Wochen mit Sauna nach dem Training, einmal ohne. Jeder Proband war also seine eigene Kontrollgruppe, was methodisch bedeutet, dass individuelle Unterschiede zwischen Personen komplett herausfallen – die einzige Variable war die Wärme danach.
Das Ergebnis: Die Time-to-Exhaustion, also die Zeit bis zur totalen Erschöpfung, hat sich um 32 % verbessert, das Plasmavolumen um 7,1 % und das Blutvolumen um 3,5 %. Zur Einordnung: Die Stichprobe war mit sechs Personen klein, was die Aussagekraft einschränkt, und bei gut trainierten Athleten fallen die absoluten Verbesserungen erfahrungsgemäß geringer aus. Aber der Mechanismus ist eindeutig vorhanden und durch weitere Studien gut gestützt.
Kein Zugang zur Sauna? Der Münchner Sommer reicht auch
Wer jetzt denkt, Hitzetraining ist nur etwas für Menschen mit Sauna-Mitgliedschaft oder eigenem Dampfbad, dem sei gesagt: In einem Münchner Sommer braucht man für Wärmeakklimatisation kein Studio. Wer Ende Juni, Juli oder August mittags oder am frühen Nachmittag nach draußen geht, bekommt den Hitzestress gratis dazu – 28 bis 35 Grad, volle Sonne, Asphalt der zusätzlich abstrahlt. Das ist keine optimale Trainingsbedingung im klassischen Sinne, aber es ist ein effektiver Akklimatisationsreiz, wenn man es richtig einsetzt.
Der entscheidende Punkt dabei: Es geht nicht darum, in der Mittagshitze sein härtestes Intervalltraining zu machen. Das wäre kontraproduktiv, weil die Intensität unter Hitzestress automatisch zusammenbricht und man das Risiko einer Überhitzung eingeht. Sinnvoller ist es, moderate Einheiten – ruhige Dauerläufe, lockere Radausfahrten, Krafttraining im Freien – bewusst in die wärmsten Stunden zu legen und die Intensität dabei bewusst zu drosseln. Der Körper reagiert auf den Wärmestress, nicht auf die Geschwindigkeit. Dass man dabei langsamer ist als sonst, ist kein Zeichen von Schwäche – es ist der Punkt.
Alternativ kann man auch ohne direkten Sonnenschein Hitzebedingungen schaffen: ein Zimmertraining bei geschlossenem Fenster, ein Ergometer-Workout im Keller, der sich im Sommer auf 28 Grad aufheizt, oder schlicht ein Lauf in einem Tal ohne Luftzug. Warme Kleidung beim Training funktioniert ebenfalls, ist aber schwerer zu kontrollieren und hat ein höheres Risiko der Überhitzung, weil der Körper seinen wichtigsten Kühlmechanismus – Schweiß der verdunstet – teilweise verliert.
Wer mit Sommertraining in der Hitze anfängt, sollte in den ersten fünf bis sieben Tagen konservativ bleiben, weil genau in diesem Zeitfenster die Anpassung beginnt und der Körper noch nicht mit der Wärme umgehen kann.⁷ Danach wird es merklich leichter – nicht weil die Hitze weg ist, sondern weil der Körper gelernt hat, damit umzugehen.
Hitzeschockproteine: Der unterschätzte Mechanismus
Neben den kardiovaskulären Anpassungen gibt es noch einen weiteren Effekt, der in der Popularisierung von Hitzetraining oft zu kurz kommt: Hitzeschockproteine, kurz HSPs. Diese Proteine werden vom Körper als Reaktion auf Hitzestress produziert und haben eine Art Reparatur- und Schutzfunktion auf zellulärer Ebene – sie helfen dabei, beschädigte oder falsch gefaltete Proteine zu reparieren und schützen Zellen vor weiteren Schäden.⁶
Das klingt abstrakt, hat aber konkrete Auswirkungen: Eine regelmäßige Aktivierung von HSPs durch Hitze kann die Muskelregeneration nach intensiven Einheiten verbessern, den oxidativen Stress reduzieren und die Stresstoleranz des Körpers allgemein erhöhen. Man trainiert also nicht nur sein Herzkreislaufsystem, sondern quasi auch die Widerstandsfähigkeit seiner Zellen.
Ein Wort zum Hautkrebs-Risiko
Wer jetzt von gezieltem Sommertraining in der Hitze liest, sollte einen Punkt nicht vergessen, der in der Begeisterung über Plasmavolumen und Hitzeschockproteine gerne untergeht: das Hautkrebsrisiko. Das soll hier nicht dramatisiert werden, aber es gehört dazu.
Grundsätzlich gilt: Wer regelmäßig über längere Zeiträume draußen Sport treibt, hat eine deutlich höhere kumulative UV-Exposition als jemand, der den Sommer hauptsächlich im Büro verbringt – und das über viele Jahre. Hautkrebs ist eine der häufigsten Krebserkrankungen in Deutschland, und ein erheblicher Teil der Fälle ist auf chronische UV-Exposition zurückzuführen. Das ist keine Panikmache, sondern Statistik.
Die gute Nachricht: Sonnenschutz funktioniert, wenn man ihn richtig anwendet. Der häufigste Fehler ist dabei nicht das falsche Produkt, sondern zu wenig davon. Um den angegebenen LSF tatsächlich zu erreichen, braucht man rund 2 mg Sonnenschutz pro Quadratzentimeter Haut – das ist deutlich mehr, als die meisten Menschen auftragen.
Für Sport empfehle ich persönlich die Sonnencreme von La Roche Posay – sie zieht schnell ein, klebt nicht, ist schweißresistent und parfümfrei, was beim Sport ein klarer Vorteil ist, weil Duftstoffe unter Schweiß und Hitze gerne unangenehm werden.
Der Link ist ein Affiliate-Link – das bedeutet, ich bekomme eine kleine Provision, wenn du darüber kaufst, ohne dass es dich einen Cent mehr kostet. Ich empfehle das Produkt, weil ich es selbst benutze, nicht weil ich dafür bezahlt werde.
Wichtig: mindestens 30 Minuten vor dem Training auftragen, damit es einziehen und einen stabilen Schutzfilm aufbauen kann, bevor der erste Schweiß fließt. Und alle zwei Stunden nachsprühen – nicht nur einmal eincremen und dann drei Stunden in der Sonne laufen.
Wie setzt man Hitzetraining sinnvoll ein?
Theorie ist gut, Praxis ist besser. Hier sind die wichtigsten Punkte für die Umsetzung:
Wärmeakklimatisation braucht Zeit. Die meisten spürbaren Anpassungen beginnen nach etwa fünf bis sieben Tagen und sind nach zehn bis vierzehn Tagen weitgehend abgeschlossen.⁷ Das bedeutet, dass ein einziger heißer Lauf nichts bringt – man braucht Wiederholung und Konsequenz.
Temperatur und Dauer sind entscheidend. Für die Sauna nach dem Training haben sich 15–30 Minuten bei 80–100 Grad als effektiv erwiesen.⁵ Wer direkt in der Hitze trainiert, sollte mit moderater Intensität anfangen und die Belastung langsam steigern, weil der Körper unter Hitzestress wesentlich schneller an seine Grenzen kommt als unter normalen Bedingungen.
Trinken ist keine Option, sondern Pflicht. Das klingt offensichtlich, wird aber trotzdem regelmäßig unterschätzt. Hitzetraining erhöht die Schweißrate erheblich, und selbst leichte Dehydration von 2 % des Körpergewichts kann die Leistung um bis zu 10–20 % reduzieren.⁸ Wer nach der Sauna kein Wasser trinkt, verschenkt einen Teil der Anpassung und fühlt sich außerdem beschissen.
Timing im Trainingsplan. Hitzeeinheiten direkt nach intensiven Intervalleinheiten oder langen Läufen zu platzieren, ist möglich – etwa in Form der Sauna-Methode – aber harte Hitze-Sessions an Tagen mit bereits hoher Belastung können die Regeneration unnötig verlängern. Sinnvoller ist es, die Sauna nach moderateren Einheiten zu nutzen und heiße Außentrainings eher in Phasen zu legen, in denen man gezielt akklimatisieren will.

Wer sollte vorsichtig sein?
Hitzetraining ist kein Universalmittel und definitiv nicht für jeden in jeder Situation geeignet. Menschen mit Herzproblemen, Bluthochdruck oder Erkrankungen, die die Thermoregulation beeinflussen, sollten vor dem Einstieg einen Arzt aufsuchen. Auch wer krank ist, sich erholt oder generell auf seinem Limit trainiert, sollte zusätzlichen Hitzestress aus dem Plan streichen.
Und auch für gesunde, gut trainierte Sportler gilt: Hitzetraining ist ein zusätzlicher Stressor. Wenn der Körper schon am Limit ist, macht man ihn damit nicht stärker – man macht ihn kaputt. Wie bei allem im Training gilt also: mehr ist nicht automatisch besser, und der Kontext entscheidet.
Meine wichtigsten Learnings
Learning 1: Hitzetraining ist mehr als Akklimatisation für Wettkämpfe im Sommer.
Die Anpassungen – gestiegenes Plasmavolumen, effizienteres Schwitzen, niedrigerer Ruhepuls – verbessern die Leistungsfähigkeit auch unter normalen Bedingungen. Das macht Hitzetraining ganzjährig relevant.
Learning 2: Die Sauna ist das zugänglichste Tool.
Man braucht kein Höhenzelt, kein Trainingslager und kein teures Equipment. 15–30 Minuten Sauna nach dem Training, zwei- bis dreimal pro Woche, reichen, um messbare Effekte zu erzielen – wenn man es über mehrere Wochen konsequent durchzieht.
Learning 3: Der Münchner Sommer ist ein kostenloses Trainingslager.
Wer moderate Einheiten bewusst in die Mittagshitze legt und die Intensität dabei drosselt, bekommt Wärmeakklimatisation ohne Zusatzaufwand. Der Körper reagiert auf den Hitzestress, nicht auf die Pace.
Learning 4: Sonnenschutz ist kein Optional-Feature.
Wer regelmäßig draußen trainiert, akkumuliert über Jahre eine erhebliche UV-Dosis. LSF 50+, 30 Minuten vor dem Training auftragen, alle zwei Stunden nachsprühen. Das ist kein großer Aufwand für einen relevanten Schutz.
Learning 5: Trinken ist der wichtigste Faktor.
Alle Adaptationen nützen nichts, wenn man dehydriert trainiert. Vor, während und nach Hitzeeinheiten ausreichend Wasser und Elektrolyte zu sich zu nehmen, ist keine Empfehlung, sondern eine Grundvoraussetzung.
Fazit
Hitzetraining ist eine der am meisten unterschätzten Methoden im Ausdauersport. Die wissenschaftliche Evidenz ist solide, die Mechanismen sind gut verstanden und die praktische Umsetzung ist einfacher als viele denken. Man braucht keine perfekten Bedingungen, kein Profiteam und kein Trainingslager. Man braucht Konsequenz, ausreichend Wasser und die Bereitschaft, regelmäßig zu schwitzen.
Ob das jetzt der Stairmaster im überhitzten Fitnessstudio ist oder die Sauna nach dem Laufen – die Hitze arbeitet für dich, wenn du sie richtig einsetzt. Und wenn nicht, verbrennt man sich halt die Flügel.
Quellen
¹ Sawka, M. N., et al. (2011). American College of Sports Medicine position stand: Exercise and fluid replacement. Medicine & Science in Sports & Exercise, 43(7), 1334–1359.
² Patterson, M. J., et al. (2004). Operated heat acclimation: Physiological and perceptual responses. Journal of Applied Physiology, 97(1), 139–149.
³ Périard, J. D., Racinais, S., & Sawka, M. N. (2015). Adaptations and mechanisms of human heat acclimation. Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports, 25(S1), 20–38.
⁴ Lorenzo, S., et al. (2010). Heat acclimation improves exercise performance. Journal of Applied Physiology, 109(4), 1140–1147.
⁵ Scoon, G. S. M., Hopkins, W. G., Mayhew, S., & Cotter, J. D. (2007). Effect of post-exercise sauna bathing on the endurance performance of competitive male runners. Journal of Science and Medicine in Sport, 10(4), 259–262.
⁶ Kregel, K. C. (2002). Heat shock proteins: Modifying factors in physiological stress responses and acquired thermotolerance. Journal of Applied Physiology, 92(5), 2177–2186.
⁷ Garrett, A. T., et al. (2009). Induction and decay of short-term heat acclimation. European Journal of Applied Physiology, 107(6), 659–670.
⁸ Cheuvront, S. N., & Kenefick, R. W. (2014). Dehydration: Physiology, assessment, and performance effects. Comprehensive Physiology, 4(1), 257–285.



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