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Silent Miles: Meine 500 km Radchallenge – ohne Zuschauer, ohne Ausreden


Benni während der Radchallenge  auf dem Fahrrad im Stil einer Karikatur

Im Mai bin ich am Mount Everest gescheitert. Nicht am echten, natürlich – sondern an einem Stairmaster im Fitnessstudio, was die Sache ehrlicherweise noch etwas peinlicher macht. Wer den Artikel dazu gelesen hat, weiß: Ich habe die Challenge unterschätzt, viel zu spät angefangen, meinen Fortschritt nicht sauber tracken können und am Ende standen 1.000 von 8.849 Höhenmetern auf dem Zettel. Nicht gerade die Erfolgsgeschichte, die man sich für seinen Blog wünscht.

Aber genau das ist der Punkt bei The Limit Project: Es geht nicht darum, jeden Monat eine heldenhafte Story auf Instagram zu posten. Es geht darum, ehrlich herauszufinden, wo die eigenen Grenzen liegen – und was passiert, wenn man nach einem Scheitern wieder aufsteht. Oder in meinem Fall: wieder aufsteigt. Auf´s Rad.


Die Idee hinter der 500 km Radchallenge „Silent Miles"

Nach dem gescheiterten Everesting hat mich eine Frage nicht losgelassen, die unangenehmer war als jeder Muskelkater: Ziehe ich meine Challenges eigentlich durch, weil ich es wirklich will – oder weil Leute zuschauen?

Klingt erstmal nach einer harmlosen Frage, aber wenn man ehrlich darüber nachdenkt, wird es ziemlich schnell unbequem. Denn natürlich ist es leichter, morgens um sechs die Laufschuhe anzuziehen, wenn man weiß, dass abends die Instagram-Story fällig ist. Natürlich hilft es, wenn Leute kommentieren, dass sie mitfiebern, wenn jemand fragt, wie der aktuelle Kilometerstand aussieht. Motivation von außen funktioniert. Das ist keine Schwäche, das ist Psychologie.

Aber was, wenn die Zuschauer weg sind? Was, wenn niemand fragt? Was, wenn die einzige Person, die weiß, ob du heute gefahren bist oder nicht, du selbst bist?

Genau das wollte ich im Juni herausfinden. Die 500 km Radchallenge: In einem Monat, ohne Live-Tracking, ohne tägliche Updates, ohne öffentlichen Fortschrittsbalken, der mich in Zugzwang bringt. Nur ich, das Rad und die Straßen rund um München. Kilometer, die niemand sieht. Kilometer, die trotzdem zählen. Silent Miles.


Überraschung: Ich habe wieder viel zu spät angefangen

Man könnte meinen, dass jemand, der gerade eine Challenge wegen mangelnder Vorbereitung in den Sand gesetzt hat, bei der nächsten Challenge besonders früh anfängt. Man könnte das meinen. Man läge falsch.

Meine erste Fahrt war am 14. Juni. Der Monat hat 30 Tage. Ich hatte also bereits fast die Hälfte verschenkt, bevor ich überhaupt das erste Mal auf dem Sattel saß. 500 Kilometer in 17 verbleibenden Tagen statt in 30. Das sind nicht mehr 16,7 km pro Tag, sondern knapp 30. Ein Unterschied, der sich ziemlich schnell bemerkbar macht, wenn man neben dem Radfahren auch noch einen Alltag hat.

Warum ich so spät angefangen habe? Die ehrliche Antwort: Weil es einfach ist, den Start auf morgen zu schieben, wenn niemand mitschaut. Keine öffentliche Deadline, kein Countdown auf der Website, kein Gefühl von „jetzt muss ich aber". Und genau da zeigte sich zum ersten Mal, worum es bei dieser Challenge wirklich geht. Ohne externe Kontrolle fehlt der Startschuss. Man wartet auf den perfekten Moment – und der kommt bekanntlich nie.


Die ersten Tage: 40, 40, 25, 25, 25

Die Anfangsphase lief besser als erwartet. Ich bin mit zwei 40er-Touren gestartet, gefolgt von drei Tagen mit jeweils 25 Kilometern, was meinen Weg in die Arbeit und zurück ausmachte. In den ersten fünf Tagen standen 155 km auf dem Tacho, ein solider Schnitt von 31 km pro Tag. Der Rückstand vom späten Start? Fast aufgeholt. Das Gefühl? Ganz gut, vielleicht sogar ein bisschen zu gut. Denn wenn etwas zu leicht anfängt, unterschätze ich es erfahrungsgemäß – und genau das ist mir beim Everesting passiert.

Dann kam das Loch.


Die Flaute in der Mitte: 13, 10, 10, 10

Irgendwann um Tag 19 herum ging die Motivation rapide den Bach runter. Die Touren wurden kürzer – 13 km, dann dreimal 10 km hintereinander. Das war zumindest der Weg ins CrossFit-Training und zurück. Nicht weil die Beine nicht konnten, sondern weil der Kopf nicht wollte. Ohne jemanden, dem man Rechenschaft schuldet, ist die Hürde zum „Ach, heute reichen auch 10 km" erschreckend niedrig. Man redet sich ein, dass man es morgen ausgleicht, dass 10 km immerhin besser sind als nichts, dass der Gesamtstand ja noch halbwegs im Plan liegt.

Das Tückische daran: Das stimmt sogar. 10 km sind besser als nichts. Aber sie sind auch deutlich weniger als die 30+, die ich eigentlich pro Tag brauchte. Und mit jedem kurzen Tag wuchs der Berg an Kilometern, die ich noch vor mir hatte.

Was ich in dieser Phase gelernt habe: Disziplin ohne externe Motivation ist kein Schalter, den man umlegt, sondern ein Muskel, den man trainieren muss. Und meiner war offensichtlich nicht so stark, wie ich dachte. Die Zuschauer fehlen nicht, weil sie klatschen – sie fehlen, weil sie verhindern, dass man es sich zu leicht macht.


Der Wendepunkt: Als die Zahlen anfingen zu sprechen

Am 22. Juni saß ich abends am Laptop und habe mir zum ersten Mal seit Tagen meinen Gesamtstand ausgerechnet. Die Zahl auf dem Bildschirm: 198 Kilometer. In acht Tagen. Das hieß: 302 Kilometer in acht verbleibenden Tagen. 37,75 km pro Tag. Minimum.

Das war der Moment, in dem es klick gemacht hat. Nicht weil irgendjemand gefragt hat, nicht weil eine Instagram-Community fiebert, sondern weil die nackte Mathematik mir ins Gesicht gestarrt hat und gesagt hat: „Wenn du jetzt nicht lieferst, verkackst du die zweite Challenge in Folge."

Und genau das wollte ich auf keinen Fall.

Am nächsten Tag bin ich 42 km gefahren. Dann noch dreimal 10 und eine 25er-Tour. Am 26. Juni bin ich morgens 25 km gefahren – und abends, weil mir die Zahl auf dem Tacho nicht gereicht hat, nochmal 51 km draufgelegt. 76 Kilometer an einem Tag. Mein bisheriger Rekord in dieser Challenge.


Wo ich gerade stehe: 403 von 500 km

Stand heute, 27. Juni: 403 Kilometer. Noch 97 km in drei Tagen. Das sind gut 32 km pro Tag, was genau in dem Bereich liegt, den ich in den letzten zwei Wochen als mein Wohlfühltempo identifiziert habe. Keine Panik, aber auch kein Spielraum für faule Tage.

Ich schreibe diesen Artikel bewusst jetzt, während die Challenge noch läuft. Nicht erst danach, wenn ich weiß, wie es ausgegangen ist und mir die Geschichte schön zurechtlegen kann. Denn darum ging es bei Silent Miles von Anfang an: Ehrlichkeit. Auch wenn niemand zuschaut. Auch wenn es gerade unbequem ist. Auch wenn ich nicht weiß, ob in drei Tagen „geschafft" oder „wieder gescheitert" unter diesem Text stehen wird.

Was ich aber weiß: Der Trend stimmt. Und das liegt nicht daran, dass mir jemand auf die Finger schaut, sondern daran, dass ich mir selbst irgendwann auf die Finger geschaut habe. Die Frage, ob ich eine Challenge ohne Zuschauer durchziehen kann, hat sich in den letzten zwei Wochen verändert. Sie lautet nicht mehr „Kann ich das?" – sondern „Will ich es genug?"

Was ich bisher gelernt habe

Learning 1: Der späte Start ist mein Muster, nicht mein Schicksal.

Zum dritten Mal in Folge habe ich viel zu spät angefangen. Das ist kein Zufall mehr, das ist ein Muster. Aber diesmal habe ich trotzdem nicht aufgegeben. Der späte Start hat den Druck erhöht, und der Druck hat mich schneller gemacht. Das ist keine Strategie, die ich empfehlen würde – aber es zeigt, dass ein schlechter Start kein Grund ist, das ganze Projekt abzuschreiben.


Learning 2: Ohne Zuschauer verschwindet nicht die Motivation – sondern die Ausrede.

Ich dachte, das Fehlen einer Community würde es schwerer machen. In gewisser Weise stimmt das auch, besonders in der Flaute um Tag 19 herum. Aber es hat mir auch gezeigt, dass meine Motivation bei den vorherigen Challenges nicht nur intrinsisch war. Zu wissen, dass jemand fragt, ist ein Sicherheitsnetz. Ohne dieses Netz merkst du, ob du wirklich stehen kannst – oder ob du die ganze Zeit nur gelehnt hast.


Learning 3: Daten retten den Arsch, wenn die Motivation es nicht tut.

Der Wendepunkt kam nicht durch einen motivierenden Podcast oder einen inspirierenden Instagram-Post. Er kam durch eine Zahl: 302 km in 8 Tagen. Manchmal braucht man keine Motivation. Man braucht Mathematik. Die Zahl hat mir nicht gesagt, dass ich es schaffen kann. Sie hat mir gesagt, was passiert, wenn ich es nicht versuche.


Learning 4: 500 km auf dem Rad sind eine andere Welt als 200 km Laufen.

Klingt offensichtlich, und beim Everesting hatte ich die gleiche Lektion schon gelernt – Disziplinen sind nicht austauschbar. Aber das Radfahren hat seine eigenen Tücken: Wind, Wetter, Verkehr, die Tatsache, dass man für eine 40-km-Tour mindestens zwei Stunden blocken muss. Beim Laufen konnte ich jederzeit 5 km einschieben. Auf dem Rad gibt es kein „mal eben kurz".


Wie es weitergeht

Drei Tage, 97 Kilometer. Die Speichersee-Runde, der Isarradweg Richtung Freising, vielleicht die große Erdinger-Moos-Tour – Optionen habe ich genug. Die Beine sind müde, aber sie funktionieren. Der Kopf ist klarer als vor einer Woche. Und das Wetter soll halbwegs mitspielen.

Ob ich es schaffe? Ich glaube schon. Aber ich habe beim Everesting auch geglaubt, dass 8.849 Höhenmeter auf dem Stairmaster „schon irgendwie gehen". Deshalb spare ich mir die Siegesrede für den 30. Juni auf. Bis dahin zählt nur eins: weiterfahren.

Update folgt.

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