Everesting auf dem Stairmaster: Warum ich am Mount Everest gescheitert bin
- Benjamin Gehrmann
- vor 1 Tag
- 7 Min. Lesezeit

Die Challenge: Everesting auf dem Stairmaster
Nach den 200 Kilometern im April wollte ich im Rahmen von The Limit Project erneut etwas ausprobieren, das mich körperlich und mental an meine Grenzen bringt. Die Idee war simpel: ein sogenanntes Everesting auf dem Stairmaster.
Für alle, die mit dem Begriff nichts anfangen können: Beim Everesting versucht man, die Höhenmeter des Mount Everest zu bewältigen – insgesamt 8.849 Höhenmeter. Normalerweise macht man das auf dem Fahrrad an einem echten Berg, den man immer wieder hoch- und runterfährt. Mein Plan war allerdings ein anderer: Die gesamte Höhe auf einem Stairmaster im Fitnessstudio zu erklimmen. Nicht draußen am Berg, nicht verteilt über mehrere Monate, sondern in wenigen Tagen auf einer Treppe, die sich endlos dreht.
Zumindest war das der Plan.
Warum ausgerechnet Höhenmeter nach 200 km Laufen?
The Limit Project soll zeigen, was passiert, wenn man sich bewusst Herausforderungen sucht, die außerhalb der eigenen Komfortzone liegen. Manchmal funktioniert das gut, manchmal weniger gut – und genau das gehört zum Prozess dazu.
Nach der erfolgreichen 200-km-Lauf-Challenge im April wollte ich im Mai das genaue Gegenteil ausprobieren. Statt horizontaler Kilometer sollten diesmal möglichst viele Höhenmeter gesammelt werden. Und wenn man schon Höhenmeter sammelt, warum dann nicht gleich die größtmögliche Hausnummer? Der Mount Everest ist mit seinen 8.849 Metern der höchste Berg der Erde, und die Vorstellung, diese Höhe auf einem Stairmaster zu erklimmen, klang verrückt genug, um mich zu reizen.
Zumindest solange die Idee noch auf dem Papier stand.
Mein erster Fehler: Viel zu spät angefangen
Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen. Die Vorbereitung auf die Challenge verlief alles andere als optimal und am Ende blieben mir nur noch drei Tage, um das Projekt überhaupt umzusetzen. Natürlich dachte ich mir: "Das wird schon irgendwie gehen." Schließlich hatte ich in den letzten Monaten bereits einige größere Herausforderungen hinter mir – 200 Kilometer Laufen, Recovery Lab, CrossFit, lange Ausdauereinheiten. Wie schwer können ein paar Treppen schon sein?
Die Antwort darauf bekam ich schneller als erwartet.
Warum der Stairmaster deutlich härter ist, als er aussieht
Der Stairmaster gehört zu diesen Fitnessgeräten, die von außen relativ harmlos wirken. Man steigt auf, man läuft Treppen, man schwitzt ein bisschen. So zumindest die Theorie. Die Realität sah allerdings komplett anders aus.
Bereits nach der ersten Stunde hatte ich über 1.000 Kalorien verbrannt und mein Puls bewegte sich dauerhaft im Bereich von 140 bis 150 Schlägen pro Minute. Wer meinen Artikel über Zone 2 Training gelesen hat, weiß, dass das bereits an der über der Grenze von Zone 2 liegt – und das bei einem Gerät, das auf den ersten Blick nicht besonders anspruchsvoll wirkt.

Genau dort begann ich zu verstehen, worauf ich mich eingelassen hatte. Das hier war kein lockeres Zone-2-Training, bei dem man gemütlich durch die Gegend trabt. Das hier war Arbeit.
Jede einzelne Stufe musste aktiv hochgedrückt werden. Kein Rollen, kein Gleiten, keine Bergabpassagen zur Erholung. Nur Treppen. Immer weiter. Immer höher.
Der Stairmaster ist im Grunde das Gegenteil von Laufen: Beim Laufen hat man zumindest zwischendrin flache oder abschüssige Abschnitte, in denen sich der Körper ein wenig erholen kann. Auf dem Stairmaster gibt es das nicht. Es geht immer nur in eine Richtung – nach oben. Und genau das macht die Dauerbelastung so brutal.
Das Problem mit der fehlenden Höhenanzeige
Was die ganze Sache zusätzlich erschwert hat: Der Stairmaster, den ich benutzt habe, zeigt keine Höhenmeter an. Das Display des Life Fitness Steppers hat genau vier Werte – Herzfrequenz, Floors Climbed, Steps per Minute und Kalorien. Keine Höhe, keine Meter, keine direkte Umrechnung.

Das bedeutet, ich musste die tatsächlichen Höhenmeter selbst schätzen und ausrechnen. Ein "Floor" auf dem Stairmaster entspricht ungefähr 3 Metern Höhe, aber je nach Gerät, Schrittlänge und Step-Rate ist das nur ein Richtwert. Man steht also auf diesem Gerät, schwitzt sich kaputt und hat nicht einmal eine verlässliche Zahl, wie weit man tatsächlich gekommen ist. Wer sich vorstellen will, wie frustrierend das ist: Es ist ungefähr so, als würde man einen Marathon laufen, ohne zu wissen, wie viele Kilometer man schon geschafft hat.
Diese Unsicherheit hat definitiv zum frühen Abbruch beigetragen. Denn wenn man nicht genau weiß, wo man steht, fällt es deutlich schwerer, sich mental auf die verbleibende Strecke einzustellen. Bei meiner 200-km-Challenge hatte ich immer eine exakte Zahl, die ich mit meinem Tagesziel vergleichen konnte. Auf dem Stairmaster musste ich nach jeder Session erst mal den Taschenrechner rausholen und hoffen, dass meine Schätzung halbwegs stimmt.
Der Moment, in dem klar wurde: Der Everest wird es nicht
Irgendwann begann ich trotzdem zu rechnen, und die Zahlen waren ernüchternd. 8.849 Höhenmeter – die Zahl wirkte auf dem Papier schon groß, aber auf dem Stairmaster wirkte sie plötzlich gigantisch. Mit jeder weiteren Minute wurde deutlicher, dass ich die Herausforderung massiv unterschätzt hatte.
Und das war nicht einmal eine Frage der Motivation oder des Willens. Nicht einmal die Beine waren das eigentliche Problem, obwohl die natürlich auch irgendwann zugemacht hätten. Das Problem war die Kombination aus der schieren Größe der Aufgabe, der fehlenden Vorbereitung und der Tatsache, dass ich meinen Fortschritt nicht mal sauber tracken konnte. Um es mal in Perspektive zu setzen: Bei meiner Geschwindigkeit auf dem Stairmaster hätte ich grob geschätzt etwa 9 Stunden reiner Treppensteigezeit gebraucht, um den Everest zu schaffen. 9 Stunden nonstop Stufen steigen, mit einem Puls jenseits der 150, ohne eine einzige Bergabpassage zur Erholung. Bei einem Verbrauch von über 1000 kcal pro Stunde, ohne entsprechendes Versorgung. In drei Tagen. Ohne spezifisches Training dafür. Mit einer ungenauen Höhenmessung.
Sagen wir, wie es ist: Das war unrealistisch. Und ich habe das an diesem Tag am eigenen Körper gelernt.
1.000 Höhenmeter auf dem Stairmaster: Mein tatsächliches Ergebnis
Am Ende standen 320 Stockwerke, über 1.000 Höhenmeter in ca. 70 min auf dem Stairmaster auf dem Zettel.

Der Mount Everest wurde es nicht, nicht einmal annähernd. Aber das höchste Gebäude der Welt hätte ich geschafft: Der Burj Khalifa besitzt 163 Stockwerke. Ich habe fast die doppelte Anzahl erklommen.
Klingt erstmal nicht schlecht, oder? Allerdings muss man ehrlich sein: Zwischen "doppelter Burj Khalifa" und "Mount Everest" liegen noch ungefähr 7.800 Höhenmeter. Das zeigt ziemlich eindrucksvoll, wie absurd hoch 8.849 Meter tatsächlich sind.
Was mich dabei am meisten überrascht hat: Höhenmeter fühlen sich auf dem Stairmaster komplett anders an als Kilometer auf der Straße. 1.000 Höhenmeter klingt erstmal nicht nach viel, wenn man bedenkt, dass ich im April 200 km gelaufen bin. Aber diese 1.000 Höhenmeter haben sich deutlich beeindruckender angefühlt, als die Zahl zunächst vermuten lässt. Jeder einzelne Meter muss gegen die Schwerkraft erkämpft werden, und der Körper bekommt zu keinem Zeitpunkt eine Pause.
Ikarus und der Mount Everest
Während ich später über die Challenge nachgedacht habe, musste ich an die Geschichte von Ikarus denken. Er wollte höher fliegen als alle anderen, zu hoch, zu nah an die Sonne – und am Ende schmolzen die Flügel. Natürlich ist mein Stairmaster-Versuch nicht ganz so dramatisch verlaufen, aber die Parallele gefällt mir trotzdem.
Ich habe mir ein Ziel gesetzt, das weit außerhalb meiner bisherigen Erfahrungen lag. Ich hatte keinen Respekt vor der Aufgabe, keine ausreichende Vorbereitung und zu wenig Zeit. Und genau deshalb habe ich etwas gelernt. Nicht darüber, wie man den Everest bezwingt, sondern darüber, wie groß diese Herausforderung tatsächlich ist – und wie wichtig Planung und Vorbereitung für solche Projekte sind.
War die Challenge gescheitert?
Objektiv betrachtet: Ja. Das ursprüngliche Ziel wurde nicht erreicht. Kein Mount Everest, keine 8.849 Höhenmeter, kein erfolgreiches Everesting und keine Erfolgsgeschichte für Social Media.
Aber genau deshalb war die Challenge wertvoll. Denn The Limit Project soll nicht zeigen, wie oft man gewinnt, sondern wo die Grenzen tatsächlich liegen. Und manchmal findet man diese Grenze erst, wenn man dagegen läuft – oder in diesem Fall: wenn man Stufe für Stufe dagegen hochsteigt.
Wer mich auf Instagram verfolgt, hat vielleicht mitbekommen, dass ich damit bewusst offen umgegangen bin. Scheitern gehört dazu, und ich finde es wichtig, das auch zu zeigen. Denn auf Social Media sieht man meistens nur die Erfolge, die fertigen Transformationen, die überstandenen Challenges. Was man selten sieht, sind die Projekte, die nicht aufgegangen sind. Genau diese sind aber oft die lehrreichsten.
Meine wichtigsten Learnings aus der Challenge
Learning 1: Große Ziele brauchen Vorbereitung und Respekt.
Ich bin mit der Einstellung reingegangen, dass es "schon irgendwie klappen wird", weil ich vorher andere Challenges geschafft habe. Aber 200 km Laufen und Everesting auf dem Stairmaster sind zwei komplett unterschiedliche Belastungen. Nur weil man in einer Disziplin fit ist, heißt das nicht, dass man eine andere Disziplin einfach so nebenbei bewältigen kann.
Learning 2: Höhenmeter sind etwas völlig anderes als Kilometer.
Das klingt offensichtlich, aber man muss es einmal am eigenen Körper erfahren haben. Die permanente Belastung gegen die Schwerkraft ohne jegliche Erholungsphasen ist eine komplett andere Welt als horizontales Laufen. Mein Körper war für Ausdauer auf der Fläche trainiert, nicht für stundenlange vertikale Belastung.
Learning 3: Ohne vernünftiges Tracking wird es doppelt schwer.
Die fehlende Höhenanzeige auf dem Stairmaster hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, seinen Fortschritt exakt messen zu können. Bei der 200-km-Challenge hatte ich GPS, eine Lauf-App und exakte Kilometerzahlen. Auf dem Stairmaster musste ich schätzen und rechnen. Das frisst mental enorm viel Energie und nimmt einem die Möglichkeit, sich realistische Zwischenziele zu setzen. Beim nächsten Versuch werde ich entweder ein Gerät mit Höhenanzeige nutzen oder mir vorab eine exakte Umrechnungsformel zurechtlegen.
Learning 4: Drei Tage reichen nicht für ein Everesting ohne Vorbereitung.
Falls ich diese Challenge nochmal angehe – und das werde ich – dann mit mindestens zwei Wochen spezifischer Vorbereitung auf dem Stairmaster, einer realistischen Zeiteinteilung und einem durchdachten Ernährungs- und Pausenplan. Die nächste Version dieser Challenge wird anders aussehen.
Fazit: Warum sich die Challenge trotzdem gelohnt hat
Mein Everesting-Versuch auf dem Stairmaster ist gescheitert. Der Mount Everest bleibt vorerst unbestiegen. Trotzdem habe ich über 1.000 Höhenmeter gesammelt und dabei gelernt, warum die 8.849 Höhenmeter des höchsten Berges der Welt eine der härtesten Fitness-Challenges überhaupt sind.
Vielleicht war genau das die wichtigste Lektion dieser Challenge: Nicht jede Grenze lässt sich beim ersten Anlauf überwinden. Manche zeigen dir erst einmal, wie weit der Weg tatsächlich noch ist. Und genau darum geht es bei The Limit Project. Nicht darum, immer erfolgreich zu sein, sondern darum herauszufinden, wo das eigene Limit wirklich liegt.
Die nächste Challenge steht bereits fest. Und diesmal werde ich besser vorbereitet sein.
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